Über Bedürfnisse zu den neuen Geschäftsmodellen der Mobilität

Wenn wir heute über die Mobilität im autonomen Zeitalter nachdenken, dann wird sie fast immer nur als Mittel zum Zweck begriffen. Ein Mittel, das uns zu dem Ort bringt, an dem wir etwas machen können, was wir uns wünschen. Aber ist das nicht etwas zu kurz gegriffen? Heutige Konzepte und Ideen drehen sich aus unserer Sicht immer im Kreis. Immer um die gleiche, einfältige Frage: Wie kann man die Zeit von A nach B halbwegs sinnvoll füllen.

Was aber wäre, wenn wir den Standpunkt ändern? Was würde geschehen, wenn wir nicht nur bisherige Konzepte und Ideen in Frage stellen, sondern die Annahmen völlig vertauschen?
Stellen wir uns nur mal für einen kleinen Moment vor, was geschehen würde, wenn wir nicht mehr das Ziel in den Vordergrund stellen. Uns verabschieden von der Vorstellung, dass es nur darum geht an einen anderen Ort zu gelangen. Was wäre, wenn wir nun nicht mehr das Ziel in den Vordergrund stellen, sondern das alleinige Bedürfnis des Fahrers bzw. Nutzers. Wie sähe wohl die Mobilität aus, wenn sie Bedürfnisse wie Arbeiten, Essen oder Ruhe erfüllen soll?

Wieviel Mobilität steckt noch in der Mobilität der Zukunft?

Zugegeben, hier müsste man vermutlich auch schon am Wort „Mobilität“ selbst zweifeln – aber lassen wir das mal außen vor. Klingt befremdlich? Vermutlich nur für einen kurzen Augenblick.
Sehen wir uns ein typisches Bedürfnis an: „Arbeiten“, wie wir es aus dem täglichen Office kennen. Auch hier lösen wir uns zunächst von der Vorstellung, dass Arbeit in der Zukunft so aussehen wird, wie wir sie heute zum Teil erfahren: starr und fixiert an einen Ort. Bereits heute sind Homeoffice, Desksharing und Co-Working Spaces keine Seltenheit mehr. Dass diese, bereits heute existierenden Arbeitsformen, das Ende der Entwicklung sein werden, ist ebenso wenig zu erwarten. Die Flexibilität wird noch ein Stück weiter zunehmen, davon kann ausgegangen werden. Warum also nicht den spontanen oder auch geplanten Wunsch zu „arbeiten“ in den Kontext der Mobilität rücken? Warum muss „Arbeit“ mit dem örtlichen Ziel verbunden sein und kann nicht Bestandteil der Mobilität werden? Vielleicht kann sie für den Nutzer in diesem Moment, dem Moment seines Bedarfs nach „Arbeit“, sogar zum alleinigen Bestandteil seiner Form der Mobilität werden? Dieser Nutzer würde in seinem Collectivio eine ideale Form eines Arbeitsplatzes sehen. Ein Arbeitsplatz, der ihn natürlich bewegen könnte, an ein beliebiges Ziel bringen kann. Aber eben nicht muss! Denn sein Bedarf ist „Office-Arbeit“ mit allem was dazu gehört: Computerverwendung, Netzanbindung, Conferencing Tools, usw. Dass der Collectivio dabei vielleicht nur stand oder eine für die Office-Arbeit möglichst ruhige Nebenstraße gewählt hatte, ist dem Nutzer völlig entgangen. Ebenso, dass es weder der kürzeste Weg, noch die höchstmögliche Geschwindigkeit war. Denn das ist dem Nutzer vollkommen egal. Sein Bedarf wurde ideal gedeckt. Sein Bedürfnis bestmöglich erfüllt.

Bequem und autonom zum Restaurant bringen lassen

Es geht um Bedürfnisse, Experience, oder wie immer Sie das nennen

Ein ähnliches Beispiel lässt sich finden, wenn wir an einen Restaurantbesuch denken. Es ist heute immer das gleiche: Wir suchen im Web nach einem Restaurant in der Umgebung, lesen Bewertungen, wägen kurz ab, setzen uns ins Auto und fahren zu unserem Ziel. Was wäre, wenn wir auch dieses Beispiel in den Kontext der Mobilität rücken würden? Als Nutzer des Collectivio habe ich nur einen Bedarf „Essen bei einer guten Pizzaria“. Gerne wähle ich aus Vorschlägen aus, wenn mich Collectivio zuhause abholt und bequem und autonom zum Restaurant bringt. Aber vergessen wir auch in diesem Fall nicht den fundamentalen Unterschied zur heutigen Denkweise: Ich definiere kein Ziel, sondern nur einen Bedarf! Ich steige ohne Ziel in das Fahrzeug und lasse meinen Wunsch erfüllen.

Überwindung von Zeit und Raum

Und der Clou an der Geschichte: Nicht nur, dass ich nun die Mobilität nicht mehr als tote, verschwendete Zeit erleben muss, sondern durch die Verknüpfung jedes einzelnen Bedarfs, das von Collectivio erfüllt wird, überbrücke ich scheinbar tatsächlich sowohl Raum als auch Zeit. Es spielt plötzlich keine Rolle mehr, ob mein wichtiges Vertriebsmeeting in Frankfurt oder in Köln stattfindet, ob die Fahrt zu meinem Lieblingsrestaurant 20 Minuten oder eine Stunde dauert, ob ich eine Fernbeziehung leben kann oder nicht – erreicht Mobilität den Stellenwert und den Anspruch unsere Bedürfnisse intelligent zu verknüpfen und zu erfüllen, rückt tatsächlich alles näher zusammen.

Neue Leute kennen lernen

Die Frage an dieser Stelle ist nun, wie ein derartiger Ansatz in ein reales Produkt einfließen kann. Der erste Schritt war daher, die sinnvolle Zusammenstellung der wichtigsten Bedürfnisse.
Aktuell haben wir Essen (Collectivio, fahre mich zu einem Restaurant), Shopping (Collectivio, mach mit mir eine Einkaufstour), Ruhe (Collectivio, ich möchte kurz mal entspannen), Arbeit (Collectivio, ich möchte hier und jetzt arbeiten), Gesundheit (Collectivio, halte mich fitt), Transportaufgaben (Collectivio, bitte bring mein Paket weg), Gesellschaft (Collectivio, ich möchte neue Leute kennen lernen) und die klassische Zielfahrt von A nach B definiert.

Wer verdient im autonomen Zeitalter das Geld?

Diese Bedürfnisse werden untereinander kombinierbar sein. Im nächsten Schritt wird es auch darum gehen die einzelnen Bedürfnisse zu bepreisen. Manche Bedürfniskombinationen werden hingegen vollkommen kostenlos angeboten werden können. Welche Rolle spielen hierbei die Sponsoren einer Fahrt? Welche Rolle spielen Werbeträger? Und was geschieht mit den eigenen, persönlichen Daten? Die genauen Hintergründe zu den Geschäftsmodellen wird es in den kommenden Tagen hier geben.

Autor: Michael Pollner

2017-11-20T12:52:23+00:00